„Konkurrenz kann kein gutes Leben für alle schaffen“: Interview mit Univ.-Prof. Dr. Ribolits

Interview mit Erich Ribolits

Für die Kampagne „Schule darf nicht sitzen bleiben!“ der Jungen Grünen Oberösterreich haben wir ein Interview mit Univ.-Prof. Dr. Ribolits zum österreichischen Bildungssystem geführt. Was er zur Ökonomisierung des Bildungssystems sagt und warum die Demokratisierung des Bildungssystem kein Allheilmittel ist, könnt ihr unten nachlesen!

Wie würden Sie die Gesamtverfassung des Bildungssystems beurteilen?

Meine Einschätzung des Bildungssystem korreliert mit der des Gesellschaftssystems. Diese beiden Systeme hängen zusammen wie kommunizierende Gefäße. Daher passt das Bildungssystem mit all seinen Widersprüchen, offensichtlichen Absurditäten und Dysfunktionalitäten perfekt mit dem Gesellschaftssystem zusammen.

Unübersehbar ist, dass sich in den letzten Jahren die Konkurrenz in allen Bereichen der Gesellschaft massiv verschärft hat. Vor allem wurde das dadurch ausgelöst, dass, durch den informations- und kommunikationstechnologisch ausgelösten Produktivitätsfortschritt, der Bedarf an menschlichen Arbeitskräften rückläufig ist. Dadurch intensiviert sich der Kampf um Jobs sowie auch der Kampf um investitionsbereites Kapital, Stichwort: Standortwettbewerb. Auch die Durchsetzungsfähigkeit der Arbeiter/innenvertretung wird dadurch schwächer.

Als wie wichtig sehen Sie die Demokratisierung des Bildungssystems an?

Ich erwarte mir nicht allzu viel von der sogenannten Demokratisierung des Bildungssystems. Mitbestimmung hat nur Sinn, wenn es tatsächlich etwas zu entscheiden gibt. Wenn sich alle auf Teufel komm’ raus für den Kampf um Arbeitsplätze und attraktive gesellschaftliche Positionen fit machen müssen, weil sie nur auf diese Art adäquat überleben können, bleibt Mitbestimmung bloß ein nettes Oberflächenphänomen. In einem System, das letztendlich einem Zwang zuarbeitet, stellt jedes Demokratie Spielen eine Farce dar. Demokratie ist zudem bloß ein Element der aktuellen gesellschaftlichen Ordnung, die den Menschen real nur wenig Spielraum bezüglich der Gestaltung ihres Lebens lässt; sie bietet keine Möglichkeit, darüber hinaus zu gehen. Was wir als Demokratie bezeichnen, schafft letztendlich nur die Illusion, dass es zwischenmenschliche Achtung im erbarmungslosen Kampf jeder gegen jeden geben könnte. Solidarisches Denken im Kapitalismus beschränkt sich notgedrungen darauf, sich als Gruppe mit gemeinsamen Interessen zusammenzutun, um andere über den Tisch zu ziehen.

Ein System, das auf Konkurrenz aufgebaut ist, kann per se kein gutes Leben für alle schaffen – dies wird offensichtlich, wenn man global denkt, ökologische Gesichtspunkte berücksichtigt und sich auch dafür verantwortlich fühlt, welche Welt wir kommenden Generationen hinterlassen. Daher führt kein Weg daran vorbei, über fundamentale gesellschaftliche Veränderungen nachzudenken.

Was ist Ihre Expertenmeinung zum System der Noten?

Noten fördern vielleicht kurzfristig das Lernen, aber sie fördern nicht das Interesse, welches für ein Lernen notwendig ist, das Menschen tatsächlich verändert und ihnen Mut macht, über den Status quo hinauszudenken. Im momentanen System sind Noten unverzichtbar, da alles am Wettbewerb orientiert ist. Dennoch sollte das Notensystem, wo es geht, zurückgedrängt werden. Genauso wie ich es nicht gut finde, dass wir unsere Fähigkeiten heute nicht einsetzen, weil wir Lust und Freude dabei empfinden, sondern weil wir Geld durch das Verkaufen unserer Arbeitskraft lukrieren müssen, finde ich es bedauerlich, dass in der Schule primär wegen der Noten gelernt wird.

Im Sinne der bürgerlich-kapitalistischen Logik ist das Notensystem gerecht, da alle formell die gleichen Hürden überwinden müssen. Aber wäre es nicht gerechter, wenn mehr auf die Hoffnungen, Sehnsüchte und Ideale der Schüler/innen eingegangen werden würde und jede/r zu einer sich von anderen unterscheidenden Persönlichkeit werden könnte, statt alle vor die genau gleiche Hürde zu stellen und Abweichungen nur zuzulassen, solange sie eine spezifische Verwertbarkeit nach sich ziehen?

Wie kann die Gesellschaft aus Ihrer Sicht nachhaltig verändert werden?

Die bisherige Geschichte zeigt, dass Revolutionen offenbar keine Lösung gegen das aus Ware, Wert, Markt und Konkurrenz gebildete System darstellen – jedenfalls haben sich nach den diversen neuzeitlichen Revolutionen zwar jeweils die Exponenten der Herrschaft geändert, aber das Herrschaftssystem blieb mit meist minimalen optischen Veränderungen aufrecht. Echte Veränderungen der Gesellschaftsstruktur wird es – so wie es jetzt aussieht – nur geben, wenn es nicht mehr anders geht, weil das System tatsächlich kollabiert. In dieser Zeit, wo Veränderungen die einzige Möglichkeit sein werden, wird es allerdings wichtig sein, dass es die bisherigen gesellschaftlichen Prämissen überschreitenden Utopien sowie schon im Verborgenen erprobte Ansätze für deren Realisierung gibt, damit der wahrscheinlich chaotische Zwischenzustand sich möglichst rasch in Richtung einer geordneten, vor allem aber besseren Situation entwickelt. So wie es in dunkelster Nacht zumindest irgendein schwaches Licht geben muss, um Orientierung zu finden, braucht es dann Phantasien eines Gemeinschaftslebens, die uns heute noch völlig utopisch erscheinen mögen. Nur so wird sich eine andere, bessere Form des Zusammenlebens ausbreiten können, hin zu einem gesellschaftlichen Leben, das nicht am Kosten-Nutzen Kalkül, sondern am Ideal einer tatsächlich menschlichen Gemeinschaft ausgerichtet ist.

Was ist Ihre Zukunftsprognose für das Bildungssystem?

Es gibt für mich eigentlich zwei mögliche Prognosen, eine optimistische und eine pessimistische.

Wenn ich pessimistisch denke, dann befürchte ich, dass in der nächsten Zeit die Unterordnung der Bildung unter die Ökonomie immer stärker werden wird und dabei auch noch die letzten Reste eines Lernens, das Menschen hilft, die Frage nach einem guten Leben zu stellen, ausgemerzt werden. Das würde bedeuten, dass wir dem früher oder später, aber letztendlich sicher auf uns zukommenden Ende des Systems der immer weiter getriebenen Verwertung von allem und jedem faktisch ohne Visionen gegenüberstehen.

Wenn ich optimistisch an die Frage herangehe, dann denke bzw. hoffe ich, dass die Widersprüche in der Gesellschaft immer offensichtlicher werden. Da diese Widersprüche nicht von der Ökonomie und selbstverständlich auch nicht von der am Tropf der Ökonomie hängenden Politik gelöst werden können, wäre es möglich, dass es zu einem um sich greifenden Umdenken kommt. Ich hoffe, dass es eher die zweite Variante wird, jedoch zeigen sich – trotz heute bereits nicht mehr zu leugnender ökonomischer, sozialer und ökologischer Katastrophen – derzeit noch kaum Ansätze in diese Richtung.

Für eminent wichtig halte ich es, dass sich die Menschen, insbesondere die jungen Menschen, mit Utopien auseinandersetzen. Denn das, was wir heute unter dem Titel Krise erleben, ist wohl bloß der sanfte Beginn eines grundsätzlichen Problems. Die jetzt Heranwachsenden werden die sich aktuell auftürmenden Probleme lösen müssen und dafür benötigt es Visionen, die über ein Fortschreiben bisheriger Lösungsansätze weit hinausgehen.

Tatsächlich war es meines Erachtens nie so wichtig, den Mut zu Utopien zu entwickeln. Gleichzeitig wurde noch nie so wenig über Utopien gesprochen.

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