Wieso Feminismus?

I LOVE MY VAGINA

Viele Leute werden ganz komisch und abweisend, wenn sie das Wort „Feminismus“ hören. Manche, weil sie keine Ahnung davon haben und an „Kampflesben“, „Männerhasserinnen“ oder andere Schreckgespensterklischees aus Fernsehen und Zeitung denken. Andere, weil sie meinen, das wäre „reformistisch“ und nicht „revolutionär“ genug. Aber was heißt „Feminismus“ wirklich?

bell hooks, eine Schwarze Autorin, Theoretikerin und Kulturkritikerin aus den USA, hat eine kurze und prägnante Antwort parat: „Feminismus ist eine Bewegung für ein Ende von Sexismus, sexistischer Ausbeutung und Unterdrückung.“ Notwendigerweise stellt Feminismus sich daher gegen das Patriarchat: das soziale System, in dem Männer als Norm gelten und gegenüber allem, was als „nicht-männlich“ gilt, privilegiert sind. Die ganze Sache hat also nichts mit Männerhassen (und auch nicht zwingenderweise was mit Lesbischsein) zu tun, sondern mit Gleichheit: Feminismus bedeutet, dass alle Menschen unabhängig von ihrem Geschlecht gleich viel Rechte und Möglichkeiten haben sollen, am gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Leben teilzuhaben.
Demnach gilt: „Wenn du an die Gleichheit/Gleichberechtigung der Geschlechter glaubst, sie unterstützt, wohlwollend betrachtest, erhoffst und/oder auf sie hinarbeitest, dann bist du ein*e Feminist*in. Ja, das bist du.“ (Sarah D. Bunting)
Der Umstand, dass solch soziale Gleichheit nicht möglich ist, so lange wir in einer Welt leben in der reiche weiße Männer die besten Chancen haben, das zu machen, was ihnen gefällt (und ihre Privilegien aufrecht erhält), macht den Feminismus zu einer revolutionären Bewegung.
Ein Wahlspruch aus der feministischen Bewegung bringt es auf den Punkt: „Feminismus ist die radikale Idee, dass Frauen Menschen sind.“ Demnach sind sie anderen Menschen gleich, ihr Leben und ihre Gesundheit sind gleich viel wert und sie genießen gleiche Rechte. Das klingt jetzt vielleicht selbstverständlich, ist es aber auch heute oft nicht – und war es auch nicht immer.
Eine organisierte, so genannte Erste Welle feministischer Bewegung brach ab Mitte des 19. Jh.s über die Welt herein. Davor kritisierte bereits 1791 die französische Schriftstellerin und Revolutionärin Olympe de Gouges in ihrer Erklärung der Rechte der Frau und Bürgerin (Déclaration des droits de la femme et de la citoyenne), dass die erste moderne Menschenrechtserklärung, die Erklärung der Rechte des Menschen/Mannes und Bürgers (Déclaration des droits de l’homme et du citoyen) der französischen Nationalversammlung von 1789, nicht für Frauen galt.
Zahlreiche Frauen (und einige Männer) setzten sich dafür ein, dass Frauen vor dem Gesetz – als Bürgerinnen – gleiche Rechte erhalten sollten. Bürgerlichen Frauen ging es vor allem um das Wahlrecht und gleichen Zugang zu höherer Bildung oder Berufswelt. Arbeiterinnen kämpften, als Teil der revolutionären Arbeiter*innenbewegung, gegen unmenschliche Arbeitsbedingungen, Sexismus von Seiten der Genossen, für gleichen Lohn für gleiche Arbeit und eine andere Gesellschaftsordnung. Es gab also unterschiedliche Prioritäten in den Forderungen, die verschiedenen Lebensrealitäten von Frauen entsprachen. So hielt 1851 in den USA die Schwarze Abolitionistin und Frauenrechtlerin Sojourner Truth auf einem Frauenkongress eine Rede über Frauenrechte und die Abschaffung der Sklaverei, die unter dem Titel Ain’t I A Woman? („Bin ich etwa keine Frau?“) bekannt wurde.
Im Jahre 1910 beschloss die 2. Internationale Sozialistische Frauenkonferenz auf Initiative der deutschen Sozialistin Clara Zetkin die Einführung eines jährlichen Internationalen Frauentages. Als dieser am 19. März 1911 das erste Mal begangen wurde, gingen über eine Million Frauen auf die Straße. Um die Rolle demonstrierender und streikender Frauen vor und in der russischen Februarrevolution von 1917 zu würdigen, findet der Internationale Frauen(kampf)tag seit 1922 am 8. März statt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg galt in den „westlichen“ Ländern friedliche (klein)bürgerliche Existenz in der Kernfamilie à la „Vater, Mutter, Kind“ als das Ideal, nach dem sich alle zu richten hätten. Als in den 1960er Jahren der Geist der antiautoritären Jugendrevolte hinter der Fassade allgemeiner Nachkriegsscheinheiligkeit zu rumoren begann, waren natürlich auch Frauen daran beteiligt, bürgerliche Moral und autoritäre Strukturen ins Wanken zu bringen.
Die Tatsache, dass Frauen auch in vielen „antiautoritären“ linken Organisationen nur Nebenrollen zugebilligt wurden, führte Ende der 1960er Jahre zur Formierung einer autonomen Frauenbewegung, die als Zweite Welle feministischer Bewegung oder Neue Frauenbewegung bezeichnet wird.
Simone de Beauvoirs bereits 1949 (dt. 1951) erschienene kultur- und sozialgeschichtliche Studie Das andere Geschlecht (frz. Le Deuxième Sexe) trug hierzu einen wichtigen Teil bei. In diesem umfassenden Buch zum Verhältnis der Geschlechter erklärte die französische Schriftstellerin und Philosophin, wie der Mann als menschliche Norm gedacht worden war – wovon die Frau nur „das Andere“, die Abweichung sein konnte. Die ungleichen Machtverhältnisse und sozialen Unterschiede zwischen den gleich geborenen Geschlechtern entlarvte sie als gesellschaftlich gemacht: „Frau (man) wird nicht als Frau geboren, frau (man) wird es.“ („On ne naît pas femme, on le devient.“) Später wurde in der feministischen Theorie die Idee geboren, dass es mit sex ein biologisches Geburtsgeschlecht gibt (was wir sind), und mit gender ein soziales Geschlecht, das wir erlernen (was/wie wir tun). Bis heute ist gender ein wichtiges Argument, wenn Leute meinen, Ungerechtigkeiten damit rechtfertigen zu können, dass „Männer halt so sind und Frauen halt so“.

Mit dem Wahlspruch „Das Persönliche/Private ist politisch“ griff die Frauenbewegung das hierarchische Geschlechterverhältnis in Bereichen wie Sexualität, Familie, Abtreibung, Arbeit, Gewalt, Geschlechterrollen öffentlich an und stellte es in Frage. Auch die faktische Nichteinlösung gesetzlich bereits festgeschriebener Gleichberechtigung und bestehende Ungerechtigkeiten z.B. im Familienrecht waren Ziele feministischer Offensive. Innerhalb weniger Jahre schufen bewegte Frauen ein Netzwerk autonomer feministischer Organisationen wie Frauen(gesundheits)zentren, Frauenhäuser zum Schutz vor Gewalt und Diskussions- und Aktionsgruppen. Auch begannen sich für viele Feminist*innen verschiedene Schwerpunkte herauszukristallisieren. Die einen setzten am Thema Gleichheit an, andere an einer Neubewertung der Geschlechterverhältnisse und -definitionen, weitere beschäftigten sich mit (lesbischer) Sexualität und Politik und wieder andere stellten die Frage nach den Zusammenhängen von Patriarchat/Sexismus, Kapitalismus und Rassismus – und damit danach, wie diese sich auch in der Frauenbewegung niederschlugen.

In den 1990ern folgten Neuerungen in Form einer Ausrichtung auf und einer Verankerung in Pop- und (neuer) Medienkultur, welche mitunter aus der US-amerikanischen Riot Grrrl-Bewegung und der Rezeption von Popsängerinnen durch Feminist*innen entstanden sind. Manchmal spricht man hier von einer Dritten Welle des Feminismus, aber das wird kontrovers diskutiert. Auf der theoretischen Ebene argumentierte Judith Butler in ihrem Buch Gender Trouble, dass nicht nur gender, sondern auch sex bereits gesellschaftlich konstruiert sei: Indem wir Körpern und Organen erst „Männlichkeit“ oder „Weiblichkeit“ zuschreiben, würden wir die Voraussetzungen dafür schaffen, die Menschheit in zwei Geschlechter aufzuteilen. Geschlecht werde durch Performativität im Alltag hergestellt: Dadurch, dass wir uns ständig wie „Männer“ oder „Frauen“ verhalten und herrichten, würden wir Geschlecht immer wieder konstruieren und rekonstruieren. Neben sex und gender sei außerdem desire, also unsere sexuelle Orientierung, eine wichtige Kategorie. Butler war und ist wichtig für feministische Strömungen, denen Kritik an Normen und vermeintlichen Normalitäten ein Anliegen ist.
Heutzutage wollen uns einige Leute und Medien erzählen, dass das mit Feminismus alles Blödsinn ist, weil ja sowieso schon alles erreicht ist. Während es stimmt, dass sich in den letzten 200 Jahren so Einiges getan hat, bleibt weiterhin genug zu tun. Hartnäckig hält sich der Glaube, dass ein großer Teil der Menschheit für weniger Geld gleich viel arbeiten soll, oder generell schlechter bezahlte und weniger angesehene Arbeiten verrichten soll, oder den Großteil unbezahlter Reproduktionsarbeiten erledigen soll, oder geschlechtsspezifische Arten von alltäglicher Gewalt (wie sexuelle Belästigung) erdulden soll, weil er das Etikett „weiblich“ trägt. Auch das Recht auf leistbare und medizinisch sichere Abtreibung wird weiterhin viel zu oft in Frage gestellt. Und wenn auch die Mehrheit der Pornographie sexistischer Scheißdreck bleibt, der in Wahrheit niemandem wirklich etwas bringt, tun sich immer mehr Nischen auf, in denen feministische, queere, lustvolle Arten von Sex(ualität) auf Augenhöhe erblühen können.
Ebenso hartnäckig wie der ganze Blödsinn auf uns hereinprasselt leisten viele Menschen – Frauen, aber auch Männer, Transgenders, Queers und viele mehr – dagegen Widerstand und erproben neue Formen des Zu- und Miteinander. Let’s get it on.

Vorschläge zum Weiterlesen…
maedchenmannschaft.net // missy-magazine.de // maedchenblog.blogsport.de // anschlaege.at // sookee.de
bell hooks : feminism is for everybody (south end press / pluto press) [engl.]
sonja eismann (hg.) : hot topic. popfeminismus heute (ventil verlag)
gisela notz : feminismus (papyrossa verlag)
alice schwarzer (hg.) : so fing es an! die neue frauenbewegung (dtv)
gudrun ankele (hg.) : absolute feminismus (orange press)
affront (hg.) : darum feminismus! diskussionen und praxen (unrast verlag)
pussy riot : pussy riot! ein punk-gebet für freiheit (edition nautilus)
laurie penny : fleischmarkt. weibliche körper im kapitalismus (edition nautilus)
nina power : die eindimensionale frau (merve verlag)
bell hooks : the will to change. men, masculinity, and love (washington square press) [engl.]
michael kaufman & michael kimmel : the guy’s guide to feminism [engl.]
ute gerhard : frauenbewegung und feminismus. eine geschichte seit 1789 (c.h.beck verlag)
gloria i. joseph (hg.) : schwarzer feminismus (orlanda verlag)
beiträge zur feministischen theorie und praxis #27: geteilter feminismus
anja meulenbelt : scheidelinien. über sexismus, rassismus und klassismus (rowohlt)
ika hügel u.a. (hg.) : entfernte verbindungen. rassismus, antisemitismus, klassenunterdrückung (orlanda verlag)
katharina oguntoye, may ayim & dagmar schultz (hg.) : farbe bekennen. afro-deutsche frauen auf den spuren ihrer geschichte (orlanda verlag)
leah bretz & nadie lantzsch : queer_feminismus. label & lebensrealität (unrast verlag)
silke lohschelder (hg.) : anarchafeminismus. auf den spuren einer utopie (unrast verlag)
silvia federici : aufstand aus der küche. reproduktionsarbeit im globalen kapitalismus und die unvollendete feministische revolution (edition assemblage)
silvia federici : caliban und die hexe. frauen, der körper und die ursprüngliche akkumulation (mandelbaum verlag)
andrea trumann : feministische theorie. frauenbewegung und weibliche subjektbildung im spätkapitalismus (schmetterling verlag)
regina becker-schmidt & gudrun-axeli knapp : feministische theorien zur einführung (junius verlag)

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