Pornografie & Sexualität

I LOVE MY VAGINA

Unsere Sexualität und die Bestimmung darüber, was wir fühlen und mit wem wir es fühlen (wollen), dürfen wir nicht anderen überlassen. Aber gerade auf Sex nimmt die Gesellschaft viel Einfluss, indem uns gesagt wird, was wir tun sollten und was nicht. Normalerweise verbinden wir das mit Verboten, Sex in der einen oder anderen Form zu erfahren oder zu haben. Aber das ist nur die eine Seite der Medaille, denn das andere Extrem verbreitet ebenso viele falsche Vorstellungen: Die Pornografie bzw. die sexualisierten Bilder, die uns tagtäglich in den Medien und in der Werbung begegnen.

Nicht nur die Verbote prägen unser Denken und unseren Alltag mit, sondern auch die Gebote, wie wer zu sein hat. Das oben genannte gesellschaftliche Verbot von Sex und sein Gegenteil, das Gebot zum Sexy-Sein/Sex-Haben/Sexpartner_in-Sein, widersprechen sich ironischer Weise nicht – gerade beim Sex, den Frauen und Mädchen genießen können. Nicht umsonst fällt vielen jungen Menschen der alte Unterschied auf, dass sexuell aktive Burschen/junge Männer gut in ihrem sozialen Umfeld dastehen (Stecher, Aufreißer,…), Mädchen/junge Frauen aber nicht (Schlampen, Huren,…).

Dabei haben der Kampf um Frauenrechte und der Kampf um eine freiere Auffassung von Sexualität eine lange gemeinsame Geschichte, da sich diese Themen sehr oft trafen und ergänzten.

Viele frühe feministische Positionen wenden sich auch gegen die Zwänge der bürgerlichen Sexualität des 19. und 20. Jahrhunderts. Das geforderte Recht auf Selbstbestimmung umfasste aber generell mehr als nur die Kontrolle über den weiblichen Körper, es bedeutete vielmehr die Möglichkeit, Beziehungen frei wählen zu können. Geburtenkontrolle und Verhütungsmethoden wurden genauso diskutiert. Hier hatte Nacktheit aufklärerische und sexual-medizinische Bedeutung, zudem wurde sie durch lebensreformerische Bewegungen und Teile der Arbeiter_innenbewegung als Freikörperkultur enttabuisiert. Diese Bewegungen verbanden Natürlichkeit mit Nacktheit, Sex stand dabei nicht im Fokus.

Nach dem zweiten Weltkrieg, zwischen Pin-Ups und freier Liebe, gelang es anfangs der sogenannten 1968er Bewegung die Gesellschaft zu öffnen. In sozialen Kämpfen um Rechte und Anerkennung entwickelten die Frauen- und Homosexuellenbewegungen diese Forderungen konsequent weiter, da die politischen Gruppen von 1968 noch immer sehr klassisch männlich und heterosexuell orientiert waren. Dadurch konnten sie viele Bereiche enttabuisieren, wie u.a. weibliche Sexualität, Abtreibung und gleichgeschlechtliche Liebe.

Ein Nebeneffekt des liberaleren gesellschaftlichen Klimas dieser Zeit war auch die leichtere Verbreitung der Pornografie, die damals begann, zu einer maßgeblichen Industrie heranzuwachsen. Ab den 1970ern entwickelte sich aus einer Nische im Filmgeschäft, damals noch auf Kinos konzentriert, ein professioneller Markt, der auch schon bald in weitere Sparten expandierte. Gerade am Beispiel des Kultfilms „Deep Throat“ kann mensch die Ambivalenz des Pornos nachvollziehen. Zum einen bestand die Rahmenhandlung des Filmes darin, dass eine Frau auf der Suche nach sexueller Erfüllung war, zum anderen aber spielte dieser Film mit männlichen Fantasien und Vorstellungen.

Viele aufgeschlossene Menschen hofften, dass man über eine freiere Darstellung von Nacktheit und sexuellen Akten über menschliche Sexualität aufklären, sie freier gestalten und Akzeptanz dafür schaffen könnte. Aber die Produktion von Pornografie entwickelte sich im Laufe der Jahre zu einem wichtigen Geschäftszweig, der weltweit zu einer der größten Branchen gehört. Expert_innen schätzen, dass zirka die gesamte Porno-Branche 12 bis 20 Milliarden US-Dollar jährlich an Einnahmen macht, mehr als Filme und Computerspiele. Begriffe wie das Porno-Geschäft und Porno-Industrie ist durchaus gerechtfertigt, denn ihr Hauptinteresse ist Gewinn. Der erhoffte Aufklärungseffekt läuft so gegen Null hin, wenn es trotz AIDS und anderen sexuell übertragbaren Krankheiten im Porno zumeist ungeschützt zur Sache geht. Noch weniger hilfreich sind aber die Bilder, die uns hier vermittelt werden.

Dass Pizzaboten oder Handwerker schnell mit der halbnackten Frau zur Sache kommen, die ihnen die Tür öffnet, erkennt man leicht als Klischee. Dennoch wirken sich Pornos subtil auf unsere Wahrnehmung über Sex, Sexualität und uns selbst, Mädchen wie Burschen, aus. Wenn die schauspielerische Leistung meist schon schwach ist, dann sollte doch der Sex echt sein? Für den Großteil der Industrie trifft das trotz aller Großaufnahmen von Sex nicht zu.

Die Posen sind gestellt, meist so, dass die Kamera eine detailreiche Nahaufnahme der Geschlechtsteile machen kann, und, wenn man sie nachstellen würde, wären sie ziemlich unnatürlich und unbequem. Ganz nebenbei bemerkt, in Pornos sind Oral- und Analsex deswegen so beliebt, weil sie leichter mit der Kamera einzufangen sind. Sowieso geben die ganzen Kamerafahrten, Schnitte und anderen Verarbeitungstechniken der Filmbranche keinen Aufschluss darüber, ob der große Kerl mit dem großen Ding tatsächlich so lange durchhalten kann, wie es den Anschein hat. Noch wichtiger zu fragen: Hat das ganze seiner Partnerin tatsächlich so gefallen?

Und wenn in vielen Pornos lesbische Handlungen von zwei Frauen gezeigt werden, dienen sie oft nur als Vorspiel, bevor zum Haupt-Akt der Macker dann dazu stößt. Ebenso legen Pornos mehr Augenmerk auf Penetration (von Vagina und/oder Anus) durch den Penis oder einen entsprechenden Ersatz wie einem Dildo. Ein langes, lustvolles Vorspiel? Klitorale Orgasmen oder sogar andere Stellen des Körpers als erogene Zonen wahrnehmen? Das alles kommt in Pornos aller Art selten – wenn überhaupt – vor. Je mehr Echtheit sie durch die fast medizinisch präzisen Großaufnahmen eines Sexaktes vorgaukeln, umso verzerrter stellen die meisten Pornos Sex dar und präsentieren nur einen „männlich-heterosexuellen Blick“ auf Sexualität. Sie orientieren sich damit nicht nur an den sexistischen Vorurteilen unserer Gesellschaft, sondern verstärken diesen auch.

Auch die Produktion von Pornos muss kritisch hinterfragt werden. Meist müssen Schauspieler_innen und Akteur_innen unter schwierigen Bedingungen arbeiten, werden völlig unterbezahlt und müssen ohne Verhütung vor laufender Kamera zur Sache kommen.

Studien über Film und Fernsehen zeigen, dass Männer auch in Sexszenen in regulären Filmen zumeist dominanter und Frauen unterwürfiger dargestellt werden, zugleich sind Frauen aber häufiger nackt und verführerischer zu sehen. Durch ihr flirtendes und „williges“ Auftreten reizt also die Frau den Mann zum Handeln, aber die Initiative und Kontrolle hat dann doch er oder übernimmt sie, wenn er darauf eingeht. Solche Darstellungen wirken sich auch auf unser Handeln und Denken aus. Eine Studie setzte z.B. einer Gruppe Jugendlichen einen Popsong mit dem dazu passenden, „super-sexy“ gemachten Video vor und einer zweiten Gruppe denselben Song mit einer Konzertaufnahme. Die Burschen, die das sexuell aufgeladene Video sahen, stimmten danach stärker sexistischen Aussagen zu als die Burschen der anderen Gruppe. Mädchen zeigten in ähnlichen Experimenten größere Zustimmung dazu, den üblichen Schönheitsidealen zu folgen und fühlten sich weniger wohl in ihrer Haut.

Wenn das jetzt auf Musikvideos, Hollywood-Kino und TV-Werbung zutrifft, verstärkt sich das ganze umso mehr in der Porno-Abteilung, die einen großen Markt und einen angeblichen Massengeschmack bedienen muss. Dabei werden billige wie falsche Klischees immer wieder hervorgeholt, die sich auf unsere Wahrnehmung von Sexualität abfärben. Gleichzeitig tun Pornos oft so, als ob sie uns von spießigen Moralvorstellungen befreien würden, aber in Wirklichkeit lassen sie selbst noch von den gleichen Moralvorstellungen und sexistischen Stereotypen leiten. Sie reproduzieren Klischees über Frauen, die so nicht der Realität entsprechen, die sie selbst erst abstreifen müssen.

Gerade weil Sexualität noch immer sehr tabuisiert wird, fehlt an wirklichen Informationen, daraus zieht auch der Porno seinen Reiz. Dem kann eine grundlegende sexuelle Aufklärung, die sich dem Thema ohne Scheuklappen und hochrotem Kopf widmet, entgegenwirken. Dann können wir auch Sex in seiner Vielfalt wirklich genießen.

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