Frauenbilder und Erziehung

I LOVE MY VAGINA

Es gibt Mann und Frau. Der Mann ist der Ernährer, der das Geld verdient, die Frau die Mutter, die sich um Haus und Kinder kümmert. Zwei Geschlechter, fixe Rollenverteilung. Alles klar – oder?

Seit der Antike gibt es die Gegenüberstellung der zwei Geschlechter. Damit ist auch immer Hierarchie verbunden. Der Mann wird als universeller Mensch gesehen, wohingegen die Frau immer als das „andere Geschlecht“ bezeichnet wird. Biologisch gesehen hat es in den antiken Weltbildern im Grunde aber nur ein Geschlecht gegeben – nämlich das männliche. Die Frau wurde als unterentwickelte Version des Mannes dargestellt. (Im Christentum wird sie zum Beispiel aus der Rippe des Mannes erschaffen.)

In der Renaissance wurde der Unterschied zwischen Mann und Frau weniger biologisch aufgefasst, als durch das Verhalten gemäß der gesellschaftlich zugewiesenen Rollen. Wenn sich also ein Mann nicht als solcher verhielt, dann wurde er nicht als Mann wahrgenommen. In den Abbildungen dieser Zeit zeigen männliche und weibliche Geschlechtsorgane verblüffende Ähnlichkeit. Die Vagina wurde als nach innen gekehrter Penis gesehen. Die Wissenschaftler jener Zeit waren nicht dumm oder blind. Wenn sie auf die Geschlechtsteile sahen, dann erkannten sie aber vor allem die Gemeinsamkeiten und weniger die Unterschiede der Geschlechter.

Wir werden zu Frauen und Männer gemacht

Feministinnen in den 70ern stellten fest, dass unser Blick auf das Geschlecht so sehr von der Vorstellung der Geschlechterrollen beeinflusst ist, dass beides nicht unterschieden werden kann. Das heißt also, dass wir dazu erzogen werden, uns wie eine Frau oder wie ein Mann zu verhalten – durch Kleidung, Gesten oder auch durch unsere Sprache. Dadurch produzieren wir erst die zwei Geschlechter. Unser biologisches Geschlecht ist nur zweitrangig. Es gibt sozusagen eine Zwangsordnung in unserer Gesellschaft, die uns alle in die zwei Geschlechter einteilt. So werden wir zu Mann oder Frau gemacht. Ob wir wollen oder nicht.

Judith Butler, eine amerikanische Professorin aus Berkeley (USA), ist heute eine Ikone. Sie meint, dass sogar das biologische Geschlecht bereits konstruiert ist. Wir sehen beispielsweise eine Person und stecken sie sogleich in die Schublade Mann oder Frau, die wir bereits kennen. Dabei ist Geschlecht nichts fixes. Forscher_innen haben beispielsweise herausgefunden, dass es Gesellschaften mit mehr als zwei sozialen Geschlechtern auf unserer Welt gibt.

Frau sein – Was bedeutet das heute eigentlich?

Wenn wir die Theorien rund um Geschlecht beiseite lassen, dann sind wir wieder bei den Frauenbildern, die uns täglich begegnen. Frauen schminken sich und tragen Kleider, sie haben so etwas wie weibliche Intuition. Sie sind weniger geeignet für technische Berufe, weil sie sozial, fürsorglich sind und in der Mutterrolle aufgehen. Stimmt das aber?

Durch diese und andere Pauschalisierungen werden Mädchen und Buben schon von Kind auf anders behandelt. Die Prägung beginnt bereits vor der Geburt: Die Eltern erwarten entweder einen (kräftig, strampelnden) Jungen oder ein (hübsches, ruhiges) Mädchen. Bisher gibt es keine geschlechtsneutrale Erziehung. Das beeinflusst die Wahrnehmung des Verhaltens des Kindes, indem Eltern auf geschlechtstypisches und nicht so typisches Verhalten reagieren und es bewerten. Wildes Toben bei Buben wird beispielsweise oft weniger sanktioniert als bei Mädchen – umgekehrt wird fürsorgliches, ruhiges Verhalten bei Mädchen eher gelobt als bei Buben. Diese unterschiedliche Bewertung zieht sich durch das ganze Leben. Du wirst damit in der Ausbildung, in der Berufswelt und in der Freizeit konfrontiert.

Als Mädchen oder Frau ist diese Einteilung ein großer Druck. Viele erwachsene Frauen werden zu fürsorglichen Müttern, die nebenbei arbeiten und sich um den Haushalt kümmern (müssen). Dabei geht es nicht darum, dass Frauen alles schaffen können, was Männern können UND zusätzlich die „weiblichen“ Aufgaben wie Kochen, Putzen, Kinder bekommen übernehmen. Es geht darum, dass Menschen, die miteinander leben, sich gleichberechtigt gegenübertreten und sich die Arbeit teilen.

Frauen und Mädchen müssen für dieses Recht einstehen, weil sie in diesen Bereichen bisher benachteiligt wurden. Das heißt nicht, gegen Männer zu wettern, die im Moment meist profitieren, sondern für eine Gleichberechtigung der Geschlechter in allen Lebensbereichen zu sorgen. Dazu gehört auch, das Verhalten eines Menschen nicht gleich in die Kategorien „weiblich“ und „männlich“ einzuordnen, sondern ein großes Spektrum an „menschlichem“ Verhalten zu akzeptieren.

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