Gratis Öffis – wo es bereits funktioniert

Gratis Öffis – ein unrealistischer Wunschtraum? Nein, denn dutzende Städte auf der ganzen Welt haben dieses Konzept bereits verwirklicht, mit beeindruckendem Erfolg.

Die estnische Hauptstadt Tallin ist eine der Städte, die in den letzten Monaten immer wieder Schlagzeilen mit kostenlosem öffentlichen Verkehr machte. Bei den verschiedenen Modellen wird jedoch zwischen kostenlosen und fahrscheinlosen Öffis differenziert (was wir unter Gratis Öffis verstehen kannst du hier nachlesen).

Verdreizehnfachung der Fahrgastzahlen in Hasselt, Belgien

Eine Vorreiterin bei der Einführung von Gratis Öffis war die belgische Stadt Hasselt, die im Jahr 1997 kostenpflichtige Bustickets abschaffte. Zudem wurden die Busverbindungen zu einem 15-Minuten Taktfahrplan ausgebaut und 800 Parkplätze im Stadtzentrum rückgebaut. Die Parkgebühren wurden auf 1 Euro für die erste Stunde und 10 Euro für einen halben Tag angehoben, womit eine Querfinanzierung des öffentlichen Verkehrs (ÖV) ermöglicht wurde. Infolgedessen stiegen die Fahrgastzahlen binnen 10 Jahren um mehr als das Dreizehnfache an. Die zusätzlichen Kosten für die Stadt betrugen lediglich 800.000 Euro pro Jahr. Nur etwa 1% des kommunalen Budgets bzw. 18 € pro Steuerzahler*in im Jahr werden in Hasselt für die Finanzierung des ÖVs aufgewandt. (Mehr dazu auf http://www.hasselt.be)

Fahrgastzufriedenheit von 99% in Aubagne, Frankreich

Ein anderes eindrucksvolles Beispiel ist die französische Stadt Aubagne (ca. 100.000 Einwohner*innen) in der Nähe von Marseille. Dort wurden die ÖV-Gebühren für alle elf Buslinien im Jahr 2009 abgeschafft. Zwischen 2009 und 2012 stiegen die Fahrgastzahlen um 142%, während der Autoverkehr im selben Zeitraum um 10% abnahm. Die Fahrgastzufriedenheit liegt bei einem Rekordhoch von 99%. Die öffentlich finanzierten Kosten pro Fahrt reduzierten sich von 3,93 Euro (2008) auf 2,04 Euro (2011). Für die Finanzierung des ÖVs werden keine zusätzlichen Steuern oder Gebühren von den Bewohner*innen eingehoben. (Mehr dazu im Buch Voyageurs sans ticket. Liberté, égalité, gratuité: une expérience sociale à Aubagne  von Magali Giovannangeli, und Jean-Louis Sagot-Duvauroux)

-15% Autoverkehr in Tallin, Estland

Die eingangs erwähnte Stadt Tallin (ca. 420.000 Einwohner*innen) ist eine der größten, die sich in den Bereich Gratis Öffis vorwagte. Per 1. Jänner 2013 wurde der ÖV für alle Bewohner*innen mit Hauptwohnsitz in der Stadt kostenlos – Tourist*innen, Besucher*innen und Menschen mit Nebenwohnsitz müssen aber weiterhin bezahlen und zwar 1,60 statt 0,80 Euro. 75,5% der Bewohner*innen sprachen sich in einer Volksabstimmung für dieses Modell aus. Der Entgang bei den Ticketeinnahmen wird auf etwa 12 Millionen Euro jährlich taxiert (der Grad der Kostendeckung durch Ticketeinnahmen lag bei etwa 33%). In den ersten vier Monaten ist der Individualverkehr in der Innenstadt bereits um 15% zurückgegangen. Durch zahlreiche neue Busspuren soll der ÖV weiter beschleunigt werden.

Gratis Öffis – ja, es geht!

Wie diese unterschiedlichen Beispiele zeigen, gibt es bereits in der Praxis erfolgreiche Gratis-Öffis-Modelle. Der Mehrwert für die Bevölkerung zeigt sich dabei durch geringere Kosten, eine Steigerung der sozialen Teilhabe, vor allem für sozial benachteiligte Menschen, sichereren Verkehr, einen lebenswerteren Stadtraum und eine sauberere Umwelt.
Gratis Öffis sind also aus vielerlei Hinsicht ein nachahmenswertes Modell.

Eine Liste aller Städte mit Gratis Öffis findest du unter http://freepublictransports.com/city/

Unser Video zu Gratis Öffis findest du hier!

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