Interview mit Tadzio Müller

Von Krisen und anderen Wachstumsmärkten

Tadzio Müller

Tadzio Müller ist Publizist und Politikwissenschaftler. Wir haben den Berliner Klimaaktivisten zum Interview geladen. Mit den Jungen Grünen spricht er über Gipfeldemonstrationen, den Green New Deal, gesellschaftliches Potential und die Grenzen des Wachstums. Das Interview führte Agnes Fogt.

Junge Grüne: Anlässlich der UN-Klimakonferenz 2009 hat sich das Netzwerk Climate Justice Action gegründet. Du warst Sprecher von CJA – was sind eure Kritikpunkte und Ziele?

Tadzio: Unser strategisches Ziel war es, ein Signal für Klimagerechtigkeit zu setzen und die initiale Explosion einer gesellschaftlichen Bewegung zu sein – die Kräfteverhältnise zu ändern. Wir wollten den Fokus darauf lenken, dass wir nicht ewig weiterwachsen können, ohne die Konsequenzen zu tragen.

Fast 2.000 Demonstrant_innen wurden verhaftet. Du warst einer davon…

Es gab da eine unglaubliche Ausweitung der präventiven Verhaftungen. Man muss das andersherum formulieren – das heißt ja: Leute wurden für Dinge verhaftet, die sie gar nicht oder noch nicht getan haben. Einer hat mir erzählt, er stand neben einem Stein und wurde verhaftet – weil er ihn in der Zukunft würde werfen wollen.

Wie ging die Sache aus?

Durch die Verhaftungen haben sich viele abschrecken lassen. Zwei CJA-Sprecherinnen wurden verurteilt, weil sie „Push“ gerufen hatten. Wir wollten uns durch die Polizeisperren drücken, ohne jemanden anzugreifen. Die beiden mussten Gerichtskosten von fast 30.000 Euro zahlen.

Kapitalismus und Klimawandel – muss man die beiden Worte in einem Atemzug nennen? Wie hängen sie zusammen?

Die Erklärung ist eigentlich ganz banal. Wirtschaftswachstum ist der unumstößliche Grund für den Klimawandel. Die beiden fangen immer gleichzeitig an. In den letzten 20 Jahren war 2009 mit der Wirtschaftskrise das einzige Jahr, in dem die Treibhausgasemmissionen nicht zugenommen haben.

Der Kapitalismus ist ein bewegliches System, das Wachstum braucht. Da stoßen wir an stoffliche Grenzen, denn auf einem begrenzten Planeten ist kein unbegrenztes Wachstum möglich.

Green New Deal – was kann man sich darunter vorstellen?

Es gibt verschieden Green New Deals und das ist auch sehr umkämpfter Begriff. Die Basisversion lautet in etwa so: Wir haben wirtschaftliche und ökologische Probleme. Wir können all diese Probleme, auch die gesellschaftlichen, mit einem Schlag lösen durch green growth, also grün-keynesianisches Wachstum [gelenkte Volkswirtschaft, Wohlfahrtsstaat; Anm.].

Diese Theorie geht davon aus, dass Wachstum und Umweltzerstörung entkoppelt werden können. Das geht aber nicht.

Was ist dein schärfster Kritikpunkt am (momentanen) Verhalten der Weltpolitik?

(lacht) Wieviel Zeit haben wir für die Frage? Nein, ich erwarte mir hier eigentlich nicht viel. Die globale Regulierungsinstanz bringt keinen vernünftigen Konsens zusammen. Ich richte mich hier mehr an die gesellschaftlichen und sozialen Bewegungen. Wir müssen auf die Herausforderungen der Zeit antworten.

Was muss jetzt, augenblicklich und mit sofortiger Wirkung geändert werden, damit die Folgen der Klima-, Energie- und Finanzkrise noch halbwegs abgefedert werden können?

Ausstieg bei den fossilen Energien. Drastische Regulierung der Finanzmärkte. Verstaatlichung der großen Banken.

Was braucht es gesellschaftlich, damit sich etwas ändert?

Ich kann nicht sagen, was passieren muss, aber wir brauchen einen Gamechanger. Fukushima zum Beispiel hat die Atomdiskussion in Deutschland entschieden. Ich sage nicht, dass es ein Katastrophe sein muss, aber wir brauchen etwas, das die Koordinatenachsen nachhaltig verschiebt.

Welche Auswirkungen des Klimawandels sind bereits sichtbar, was kommt noch auf uns zu?

Sichtbar sind die Folgen sehr deutlich: Wir hatten 2010 Überschwemmungen in Pakistan und China, Dürren in Russland, den damit verbundenen weltweiten Anstieg der Weizenpreise um 70 Prozent und so weiter. Da ist gesellschaftliches Chaos vorprogrammiert.

Vom Klimawandel sind immer die am meisten betroffen, die am wenigsten dazu getan haben. Zum Beispiel der Hurricane in New Orleans: Die Armen hat es am Schlimmsten getroffen – die konnten nicht einfach in ihr Auto steigen und wegfahren.

Gibt es eine ausreichende public awareness, ist sich die „Öffentlichkeit“ der Probleme bewusst?

Weinger, auch weil man das Gefühl hat, nichts ändern zu können. Wenn man immer beides denkt – also das Problem und die Ohnmacht – bekommt man ziemlichen Stress.

Du hast mal folgenden schönen Satz geschrieben: „Antikapitalistische Politik ist kein Wunschkonzert, und unsere Praxis kann sich nicht darauf beschränken, eine noch ausgefeiltere kritische Kritik der Gesamtscheiße zu formulieren“.

Wie definiert sich für dich politischer Aktivismus?

Eine kollektive Gestaltungsmacht mit einem klaren ethisch-politischen Projekt aufbauen, die Dinge verändern kann.

Wieviel Mobilisierungspotential siehst du in unserer momentanen Gesellschaft?

Im globalen Norden gibt es ein interessantes Potential bei der Energiefrage. Klima, das ist den Leuten oft zu weit weg. Energiedemokratie funktioniert auch lokal und regional. Eigentlich ist es aber dasselbe Thema.

Hast du einen Ratschlag für junge Menschen, die sich engagieren wollen bzw. bereits engagieren?

Sucht euch eine Gruppe, in der politisches Engagement auch Spaß macht. Denkt nicht zu sehr in klassischen politischen Schubladen. Stellt alte Gewissheiten in Frage.

Du bist Mitherausgeber der Zeitschrift turbulence. Kannst du die Zeitschrift kurz beschreiben? Wie/wo kann man euch lesen?

Wir sind ein internationales Kollektiv und wollen einen Raum für Bewegungsaktivist_innen schaffen, in dem sie schreiben und sich austauschen können. Wir wollen strategische Fragen stellen. Das Magazin wird bei großen Events gratis verteilt. Natürlich gibt es uns auch online.

Wenn du einen Wunsch frei hättest – wofür würdest du ihn nutzen?

Das ist eine gute Frage. Was ist das am weitesten entfernte Ziel?
Dass der globale Norden die ökologische Schuld am globalen Süden anerkennt und anfängt, sie abzutragen.

Weiterführend Infos:

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