Interview mit Elias Bierdel

„Inzwischen lache ich wieder, wenn ich die Nachrichten sehe“

 

Elias Bierdel

Elias Bierdel ist Menschenrechtsaktivist und arbeitet derzeit beim Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung. 2004 kam der Mitbegründer der Organisation borderline-europe in die Schlagzeilen, als er nach einer Rettungsaktion der Schlepperei beschuldigt wurde. Im Interview mit den Jungen Grünen spricht Elias über seine Arbeit, die Zustände an den europäischen Außengrenzen und seine Hoffnung für die Zukunft. Das Interview führte Agnes Fogt.

Junge Grüne: Vor einigen Jahren gingen die medialen Wellen um deine Person hoch. Kannst du die Geschichte kurz erzählen?

Elias: Ich war gerade ein Jahr Vorsitzender und Geschäftsführer des Notärztekomitees Cap Anamur. Damals schafften wir unser erstes eigenes Rettungsschiff an – die Cap Anamur, einen fast hundert Meter langen Frachter, der für Transporte und als schwimmendes Krankenhaus ausgerüstet war.

Wir waren Richtung Irak unterwegs, als wir am 20. Juni 2004 auf offener See ein Schlauchboot mit 37 Menschen an Board treiben sahen. Der Motor war kaputt und das Boot verlor Luft. Die Menschen haben uns angefleht, sie an Bord zu nehmen. Natürlich hilft man, wenn jemand in Seenot ist. Man bringt die Leute in Sicherheit und an Land. Das ist ganz logisch.

Die italienische Regierung sah das anders…

Ja, das war kurz vor Lampedusa, der nächste Hafen war Porto Empedocle. Uns wurde verboten, die italienischen Hoheitsgewässer zu befahren – einem Schiff unter deutscher Flagge. Sowas hat es zu Friedenszeiten noch nie gegeben.

Wir lagen elf Tage vor Anker und wurden von Kriegsschiffen und Hubschraubern umkreist. Die ersten Leute machten Anstalten, sich ins Wasser zu stürzen – die Lage wurde immer dramatischer. Wir mussten den Hafen anfahren. Darauf hatten die Behörden gewartet. Jetzt hatten wir etwas „Verbotenes“ getan – wir haben gegen eine Anordnung verstoßen, für die es aber keinerlei rechtliche Grundlage gab.

Was passierte an Land?

Die 37 Geretteten wurden sofort abgefangen und nach Nigeria bzw. Ghana deportiert. Ich sage deportiert, weil diese Menschen teilweise aus ganz anderen Regionen stammten. Der Kapitän, der erste Offizier und ich wurden festgenommen und uns wurde wegen „Beihilfe zur illegalen Einreise“ – also Schlepperei – der Prozess gemacht.

Was folgte war ein sechsjähriger Schauprozess, in dem die Staatsanwaltschaft vier Jahre Haft und eine Geldstrafe von 400.000 Euro für jeden von uns forderte.

Ihr wurdet am Ende freigesprochen. Was hat dich an den Ereignissen und am Vorgehen der Behörden am tiefsten getroffen und am meisten schockiert?

Die Entschlossenheit, mit der auf europäischer Seite versucht wird, Menschen nicht zu retten bzw. nicht an Land kommen zu lassen. Wir sollten ein abschreckendes Beispiel sein. Genau diese Politik führt ja dazu, dass so viele ertrinken.

Du warst Journalist, bevor du bei Cap Anamur tätig geworden bist. Was war der Auslöser, die beobachtende Journalistenperspektive aufzugeben und aktiv einzugreifen?

Ich war als Journalist in Kriegs- und Krisengebieten. Viele empfinden es da als schwierig, nur zu berichten und nicht zu helfen. Ich habe dann begonnen, Öl oder Reis oder Zucker mitzubringen – irgendetwas, das die Menschen brauchen können. Eines Tages kam ich in einem zerstörten Dorf an, das Auto voll Lebensmittel und Planen, und hatte mein Aufnahmegerät vergessen. Daraufhin habe ich meinen Posten bei der ARD zurückgelegt.

2007 hast du borderline-europe mitgegründet. Was tut euer Verein?

Wir dokumentieren, was an den Außengrenzen der EU los ist. Es gilt, zehntausende Tote ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, damit sich die Menschen endlich die Frage stellen: Ist das die Art von „Grenzschutz“, die wir wollen?

Wieviele Menschen sterben jährlich beim Versuch, nach Europa zu kommen?

Das ist schwer zu sagen. Die meisten kommen auf illegalisierten Wegen, sind also auch nirgends registriert und verschwinden einfach. Die EU-Kommission schätzt, dass es 3.000 bis 4.000 Tote jährlich sind. Das ist ein himmelschreiender Skandal, der sich vor den Augen der europäischen Beamten abspielt – und es ist nicht einmal jemand zuständig.

Wie wird der militärische Einsatz gegen Flüchtlinge gerechtfertigt?

Von „Schutz und Hilfe“ ist kaum noch die Rede, stattdessen geht es nur noch um vermeintliche Sicherheitsinteressen. Das ist ein dramatisches Beispiel dafür, wie die Regierenden mit den Herausforderungen unserer Zeit umgehen.

Europa hat ja eine fatale Tradition der Ausbeutung. Warum machen sich Menschen überhaupt auf den Weg? Die EU verelendet ihre Nachbarregionen und will gleichzeitig möglichst wenig Menschen aufnehmen. Die Realität wird hier einfach nicht anerkannt. Erstens brauchen wir Zuwanderung, zweitens haben wir immer mehr Klimaflüchtlinge aus Südafrika und die EU produziert bei Weitem mehr Treibhausgase als Afrika.

Sind die Menschen schlecht über die Vorgänge an den europäischen Außengrenzen informiert?

Ja, denn das Thema wird politisch tabuisiert. Da kämen wir in einen Konflikt mit unseren eigenen Werten und müssten uns fragen: Zu welchem Preis wird unsere europäische Festung der Wohlstandsbürger_innen „verteidigt“?

Wie sind die Reaktionen, wenn du bei einem Vortrag deine Geschichte erzählst?

Die Menschen hören sehr genau zu und lassen sich von dem bewegen, was auch mich bewegt. Ich freue mich auf den Tag, an dem mir wer zuruft: „Buh, langweilig, das wissen wir alles schon“.

Was muss dafür als nächstes passieren, was muss sich ändern?

Im Moment wird ja versucht, das Eingeständnis zu vermeiden, dass das ganze System gescheitert ist. Sobald das zugegeben werden kann, können wir anders weiterdiskutieren. Es wird ja immer offensichtlicher. Inzwischen lache ich auch wieder, wenn ich die Nachrichten sehe. Die Mächtigen sind offenbar mit dem Latein am Ende. Jetzt kommt es darauf an, dass die Bürger_innen Verantwortung übernehmen.

Du arbeitest momentan auch beim Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung. Was genau tust du dort?

Ich bin dort unter anderem als Experte für EU-„Bordermanagement“. Im Rahmen unserer „Sommerakademie“ im vergangenen Jahr haben wir hier auf der Friedensburg Schlaining die Zustände an den EU-Außengrenzen ausführlich diskutiert. Außerdem bilde ich zivile Friedenshelfer_innen aus, zum Beispiel für UN-Missionen.

Du bist gebürtiger Deutscher, lebst und arbeitest in Österreich. Wirst du als Ausländer wahrgenommen?

Ich bestehe darauf. Wenn ich irgendwo das Wort Ausländer höre, bin ich gleich da: Redet ihr über mich? Seit vier Jahren bin ich im Burgenland und mir gefällt es sehr. Ich glaube, die Menschen hier werden oft unterschätzt.

Hast du einen Ratschlag für junge Menschen, die sich engagieren möchten?

(lacht) Als junger Journalist habe ich eines der letzten Interviews mit Robert Jungk geführt, einem der Urväter der Friedensbewegung. Ich habe damals genau diese Frage gestellt – und war furchtbar enttäuscht. Ich hatte mir eine große Weltformel erwartet. Jungk sagte aber nur: „Wir müssen lernen, freundlicher miteinander umzugehen“.

Je älter ich werde, desto klarer wir mir: Das beschreibt exakt, um was es geht.

Wenn du einen Wunsch frei hättest – wofür würdest du ihn verwenden?

Ich möchte mit dem Rauchen aufhören.

Weiterführende Infos:

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