Vom Schul-Raum zu Bildungs-Landschaften

von Edeltraud Haselsteiner und Maja Lorbek

Die Zukunft der Schule liegt in der grundlegenden strukturellen und funktionellen Reorganisation sowohl des Schulsystems als auch der einzelnen Schulgebäude. Reorganisation ist gewissermaßen Neugründung: in organisatorischer, räumlicher und zeitlicher Hinsicht. Darüber hinaus wird sich die Relation der Schule zu weiteren Schulstandorten und Schultypen in räumlicher Nähe und im Verhältnis zu Nachbarschaft und Stadtteil verändern.

Eine der zukunftsfähigen Innovationen in der Schulkonzeption sind Bildungslandschaften, die mehrere Schulstandorte (unterschiedliche Schultypen) in räumlicher Nähe verbinden. Das Prinzip der Bildungslandschaft und des Schulverbundes setzt gezielt auf die Öffnung der Schule zu Nachbarschaft und dem Stadtteil. Die Freiräume, aber auch die Straße sind integriert in das Gesamtkonzept des Bildungsverbundes und ein wesentlicher Teil der Neustrukturierung. Die Schulgemeinschaft ist nach dem Prinzip der Bildungslandschaft Teil einer größeren Stadtteilgemeinschaft und des Schulverbundes in Bezirk und nicht beschränkt auf SchülerInnen, Lehrende und Eltern. Die Nachbarschaft wird ebenfalls in die Agenden der Bildung und Schule involviert. Diese Idee ähnelt der angelsächsischen Tradition der community education, die es bereits seit den 60er-Jahren gibt. Bei diesem Konzept werden gezielt kommunale und soziale Einrichtungen in Schulgebäude untergebracht, um so Austausch zwischen dem Stadtteil und der Schule zu ermöglichen.

BREITE SCHULE, Niederlande

In den Niederlanden gibt es das Prinzip der „Vensterschol“ (Fensterschule) bzw. „Brede Schol“ (breite Schule). Die Gemeinde Groningen in den Niederlanden entwickelte das Konzept der „breiten Schule“ bzw. Fensterschule seit 1990. Diese Schulen wurden als experimentelle Stadtteilschulen in den benachteiligten Stadtquartieren eingeführt. Eines der wesentlichen Merkmale ist die Nachmittagsbetreuung und die öffentliche Benutzung von Spielplätzen. Ganz besonders wichtig ist die Ansiedlung von kommunalen Einrichtungen wie Gemeindezentrum, Ambulanz, Bibliothek und weiteren Einrichtungen, um so einen öffentlichen, nicht nur schulischen Charakter dieser Gebäudekomplexe zu etablieren. Der Name Vensterscholen soll Offenheit und Transparenz evozieren. Mittlerweile gibt es bereits mehr als 1000 Brede Scholen in den Niederlanden. Eine der größten Vensterscholen in Groningen ist die Selverd/Paddepoel/Tuinwijk in Eiklaan – Groningen, geplant vom Architekten Atelier PRO mit ca. 6000 m2 Geschossfläche. Diese Schule wurde in Ergänzung zu bestehender Sporthalle und Schwimmbad errichtet und besteht aus einer Grundschule mit 16 Klassen, Hort, Kindergarten, Tagesbetreuung, Bibliothek und Gemeindezentrum. Alle Einrichtungen sind untergebracht in einzelnen Gebäudetrakten, die um einen zentralen Hof – Vensterplein – gruppiert sind.

Bildungslandschaft Altstadt Nord, Köln

Auch in Deutschland wird die Idee der kommunalen Schule und des Schulverbundes aufgegriffen. In Köln wurde das Modellprojekt Bildungslandschaft Altstadt Nord entwickelt, als Kooperationsprojekt der Stadt Köln mit Montag Stiftungen. Die Idee dahinter war, bestehende Schulen im Klingelpützpark miteinander und mit der Nachbarschaft zu einem Bildungsverbund zu verbinden. Es sollen, so die Initiator_innen, im pädagogischen und baulichen Sinne Räume geschaffen werden, die ein lebensnahes, verantwortungsvolles und inklusiv angelegtes Lernen und Lehren für alle Nutzerinnen und Nutzer der Einrichtungen und für die Bürgerinnen und Bürger des Kölner Stadtteils Altstadt Nord ermöglichen. Mehrere Gymnasien, eine Grund- und eine Hauptschule sind Teil des Bildungsverbundes, ergänzend dazu ein Kindergarten und eine Freizeitanlage. Die Innovation dieses Modells liegt sowohl im Verbund mehrerer Schulen und weiterer Einrichtungen, wobei der Freiraum als Bindegliedelement die entscheidende Rolle spielt, auch die gezielte Öffnung des Areals, die Anbindung an die Nachbarschaft und darüber hinaus der zweijährige Partizipationsprozess, in den alle Akteur_innen, von Pädagog_innenen, Schüler_innen, Eltern bis hin zu Nachbar_innen und Unternehmer_innen aus dem Stadtteil, eingebunden waren.

Schon sehr lange sind Lernen und Lehren nicht auf das Klassenzimmer oder die Schule selbst beschränkt. Heute spricht man von Lernumgebungen und der Lernalltag findet individuell, in Kleingruppen und in der Großgruppe statt. Die Klasse als soziale Einheit ist keine fixe Konstante mehr. Sie wird durch modulares Unterrichtssystem, durch Jahrgangsklassen und Leistungsgruppen immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen neu zusammengesetzt. Das Klassenzimmer – als Raum – weitet sich aus und wird in seinen Relationen zu weiteren Schulräumen neu positioniert. Klar voneinander getrennte Zonen der Klassenzimmer, Gänge, Pausenhallen und Freibereichen sowie der Verwaltung lösen sich in der Praxis auf. Auch die zeitliche Nutzung der Schule verändert sich. Die Ganztagsschule und der verschränkte Nachmittagsunterricht sind das erklärte Ziel der heutigen Schulpolitik und der Bildungsministerin. Durch die längere Anwesenheit im Schulgebäude entsteht Bedarf nach informellen Zonen, nach sozialen Räumen für Lehrende und Lernende, nach Kommunikations- und Repräsentationsbereichen.

Unterricht findet nicht nur in den Klassenzimmern, sondern in der Gesamtheit des Raumes statt. Der Raum als „dritter Pädagoge“ ist in aller Munde. Dass Leistungsbereitschaft dauerhaft nur in einer anregenden, den Menschen „sympathischen“ Umgebung erwartet werden kann, ist vielfach bekannt.
Gelungene Beispiele einer Schule zum „Wohlfühlen“ findet man in den skandinavischen Ländern.

Hellerup Skole, Kopenhagen, Dänemark

Die zunehmende Lockerung bis hin zur Auflösung des Klassenverbandes zugunsten von wechselnden und unterschiedlich großen, nach Neigungen, Kompetenzen oder sozialen Kriterien zusammen gestellten Lerngruppen bedingt es, auch architektonisch mit modularen und flexiblen Raumkonzepten zu reagieren und agieren. Der Unterricht in der Basiseinheit der „Klasse“ oder der „Kerngruppe“ wird zunehmend auf ein bis zwei Drittel zugunsten von individuellen Lernformen reduziert. Damit verliert die „Klasse“ als Arbeits- und Organisationseinheit ihre zentrale Bedeutung. An ihre Stelle treten neue und offene Raumkonzepte mit unterschiedlichen einander überlagernden Zonen. Klassenzimmer werden nicht mehr als Unterrichtszimmer sondern als Aufenthaltsräume betrachtet. In der Hellerup Schule in Kopenhagen wird dieses offene Konzept in besonders konsequenter Weise verfolgt. In der Schule gibt es kaum abgeschlossene Räume sondern nur offene Geschossebenen, die lediglich durch mobile Raumteilungen strukturiert werden. Sechseckige Raumzellen dienen als Rückzugsorte für individuelle Beschäftigungen oder Anleitungen von kleineren Gruppen.

Maglegard Skole, Kopenhagen, Dänemark

Die Schule ist in ihrer Gesamtheit ein Lern-, Erfahrungs- und Erlebnisort. Informelle Orte des Lernens haben genauso ihre Bedeutung wie spezifisch definierte Lernorte. Es gibt viele verschiedene, unterschiedlich große und unterschiedlich gestaltete Räume, die je nach Erfordernis anders genützt oder gestaltet sein können. Schule ist ein Ort, an dem es Unterschiedliches zu erleben und entdecken gibt.

Die 1909 erbaute Maglegard Schule wurde 1999-2001 saniert und offene Raumstrukturen mit verschiedenartigen Lern- und Erfahrungsorten geschaffen. Schülerinnen und Schüler aus drei aufeinanderfolgenden Jahrgängen werden zu Lerngruppen zusammen gefasst und teilen sich eine wohnlich eingerichtete Raumeinheit. Jeder dieser Lerneinheiten verfügt neben Freizeitbereichen unter anderem über eine gut ausgestattete Küche. (Fotos 1 – 3)

 Maglegardskolen_Kopenhagen 05-2009

Maglegardskolen_Kopenhagen 05-2009

Maglegardskolen_Kopenhagen 05-2009

Ordrup Skole, Kopenhagen, Dänemark:

Die Ordrup Schule wurde zwischen 2000 und 2006 sukzessive saniert und durch einen Zubau erweitert. Individuelle Rückzugsräume, eine bewusst farblich intensive Gestaltung und Räume unterschiedlicher Atmosphären sind Teil des Konzepts. Vorangegangen ist der baulichen Umgestaltung ein längerer Diskussions- und Arbeitsprozess, in dem mit Hilfe von externen BeraterInnen herkömmliche Lernmethoden reflektiert und zeitgemäßere Lösungen gesucht wurden. Unterrichtet wird in altersgemischten Mehrstufenklassen, jeweils betreut von einem Team von Lehrer_innen und Freizeitpädagog_innen. (Fotos 4 – 6)

Ordrup Skole_Kopenhagen 05-2009

Ordrup Skole_Kopenhagen 05-2009

Ordrup Skole_Kopenhagen 05-2009

Ørestad Gymnasium, Kopenhagen, Dänemark:

Die bekannten Tendenzen und Veränderungen in der Vermittlung von Wissen einerseits und in der Struktur der Arbeits- und Organisationseinheiten andererseits sollten sich in neuen räumlichen Konzepten wiederspiegeln. Das 2007 neu erbaute Gymnasium Orestad wurde von der Kommune initiiert, die einen Wettbewerb zum Thema „Schule der Zukunft” auslobte. In einem Komitee von Lehrer_innen, Schüler_innen, Architekt_innen und anderen Akteur_innen wurden Ideen gesammelt. Ergebnis dieses Prozesses ist eine Schule ohne Gänge. Die gesamte Schule ist Lernraum. Flexibilität und Offenheit sind räumlich konsequent umgesetzt. Nicht jede Klasse hat einen Klassenraum – 40 Prozent des Unterrichts findet in offenen Räumen statt. Selbst der Turnsaal ist offen und transparent im Gebäude integriert. (Fotos 7 – 9)

Orestad Gymnasium_Kopenhagen 05-2009

Orestad Gymnasium Kopenhagen

Orestad Gymnasium_Kopenhagen 05-2009

Weitere Informationen:

Baustelle SCHULE – Nachhaltige Sanierungsmodelle für Schulen. Forschungsprojekt im Rahmen der Programmlinie „Haus der Zukunft“. (http://www.hausderzukunft.at/results.html/id5421)
Fotos © Haselsteiner

Oktober 2011

Autorinnen: Die Autorinnen sind Architektinnen und Begründerinnen der ARGE Baustelle Schule

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