Nationalsozialismus im Schulunterricht

von Sophie Psihoda

Die Behandlung des Nationalsozialismus im Schulunterricht wird in der Fachliteratur auch mit dem Fachterminus „Holocaust-Education“ bezeichnet. Jene Holocaust-Education findet im österreichischen Schulsystem vorwiegend im Geschichtsunterricht der 8. sowie in einer Allgemein Höheren Schule der 11. und 12. Schulstufe statt. Allerdings wird Holocaust-Education auch in den Sprachfächern Englisch und Französisch sowie teilweise auch im Religionsunterricht und Psychologie- und Philosophieunterricht behandelt.

Holocaust-Education bezieht sich jedoch nicht nur auf die Behandlung des Nationalsozialismus an sich, sie setzt sich vielmehr zum Ziel rassistische und antisemitische Vorurteile der Schüler_innen wahrzunehmen und zu bearbeiten. Dafür ist es für das Lehrpersonal unerlässlich, sich selbst in Vorbereitung auf den Unterricht intensiv mit dem Thema befasst zu haben. Denn eine gewisse Selbstaufklärung ist neben der kompetenten Vermittlung des Nationalsozialismus auch Voraussetzung, um auf Fragen, Reaktionen, aber auch Provokationen seitens der Schüler_innen reagieren zu können. Die Zielsetzung der Holocaust-Education antisemitischen und rassistischen Ressentiments entgegen wirken zu können, macht es in dieser Hinsicht unmöglich, den Themenbereich des Nationalsozialismus im Schulunterricht objektiv zu behandeln. Im Gegenteil Holocaust-Education zielt darauf ab, unter den Schüler_innen einen bestimmten Konsens zu erreichen, der in der Ablehnung des Antisemitismus und des Rassismus besteht.

Außerschulische Informationsquellen wie das Internet machen es jedoch zunehmend schwieriger diesen Konsens unter den Schüler_innen herzustellen. Besteht außerschulisches Vorwissen zu dem Themenbereich Nationalsozialismus, ist es nicht nur lückenhaft und fragmentarisch. Es ist zudem auch nicht selten von Informationsquellen bezogen, die bewusst auf eine einseitige Darstellung des Nationalsozialismus abzielen. Hier ist es besonders wichtig, dass die Lehrpersonen die Quelle des Vorwissens der Schüler_innen erfragen und den Informationsgehalt kritisch diskutieren. Durch solch eine Aufarbeitung des vorhandenen Vorwissens sollen die Schüler_innen auf die Einseitigkeit mancher Quellen aufmerksam gemacht werden und lernen einen Informationsgehalt auf seine Objektivität und Korrektheit zu prüfen. Dies passiert allerdings nur selten, da den Lehrer_innen für die Behandlung des Themas nur begrenzte Zeitressourcen zur Verfügung stehen. Dabei nehmen außerschulische Informations- sowie Sozialisationsinstanzen dem Schulunterricht nicht nur die Rolle des alleinigen Vermittlers des Themenbereiches Nationalsozialismus ab. Sie stehen auch in Konkurrenz mit dem vom Lehrpersonal vermittelten Wissens.

Angesichts dessen stellt sich die berechtigte Frage, ob die Schule der richtige Ort ist, um diesen wichtigen Themenbereich des Nationalsozialismus zu behandeln. So stellt neben den begrenzten Zeitressourcen auch das straffe Korsett, das dem Schulunterricht aufgrund der vom Staat vorgegebenen Lehrpläne zu Grunde liegt, ein Hindernis für eine intensivere Behandlung mit dem Nationalsozialismus dar. Zudem bietet der Schulunterricht auch nur sehr selten den notwendigen Raum, der es für eine offene und kritische Auseinandersetzung mit diesem Thema erforderlich wäre. Hierbei ist vor allem auf die Dynamiken hinzuweisen, die einer jeden Klassengemeinschaft eigen sind, welche eine offenen Diskussion unter den Schüler_innen und mit der/dem Lehrer_in oft nicht ermöglichen.

In Anbetracht der oben erwähnten Schwierigkeiten, mit denen sich der Schulunterricht konfrontiert sieht, wäre zu überlegen, ob die Thematisierung des Nationalsozialismus nicht besser durch alternativen Unterrichtsformen und -methoden stattfinden sollte. So würden etwa projektartige Unterrichtstage, welche im besten Fall noch außerhalb der Institution Schule stattfinden, zweckdienlichere Wege der Behandlung jenes wichtigen Teils österreichischer Geschichte bieten. Neben den größeren Zeitressourcen würde der/dem Lehrer_in auch, die Möglichkeit gegeben werden, das Thema abseits von Lehrbüchern und durch kreativere Vermittlungsformen aufzubereiten. Diese würde die Chance für die Lehrer_innen, die Schüler_innen mit ihrem Lehrinhalt auch zu erreichen, um das Vielfache erhöhen. Ansätze zu solch einem projektartigen Unterricht werden jedoch leider nur selten und sehr vereinzelt von den Lehrer_innen angedacht. Hier wäre es auch Aufgabe des Unterrichtsministeriums solche alternativen Unterrichtsformen zu ermöglichen und zu fördern, sowie das Lehrpersonal zu einer intensiven Behandlung der Thematik zu ermutigen.

Autorin: Sophie Psihoda, Sophie ist Mitglied im Redaktionsteam der Grünen Bildungswerkstatt Wien.

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