Die Illusion von der Chancengleichheit – wie Bildungsarmut vererbt wird

von Markus Schauta

Bildungsarmut ist gekennzeichnet durch fehlende Abschlüsse, wie eine Matura oder eine Berufsausbildung. Bildungsarmut meint oft auch funktionalen Analphabetismus. Die Kinder bildungsferner Eltern können daher von diesen oft nicht entsprechend gefördert werden. Wenn dann auch noch die Unterstützung durch die Schule fehlt, kommt es zur Vererbung von Bildungsarmut.

Genau das passiert in Österreich viel zu häufig. Das österreichische Schulwesen gebe Teile der Verantwortung für die Bildung der Kinder ab, so Georg Koenne, Bildungsreferent der Grünen. An die Eltern einerseits und die, wenn sie es sich leisten können, an den Nachhilfeunterricht.

Die Zahlen sprechen für sich. Wie eine Studie der Arbeiterkammer zeigt, brauchten im vergangenen Schuljahr 27 Prozent der Schulkinder Nachhilfe. 127 Millionen Euro investierten die Eltern in diesem Jahr in die außerschulische Nachhilfe für ihre Kinder. (www.arbeiterkammer.at/bilder/d153/AK_Nachhilfebarometer_2011.pdf )

Geerbte Bildungsarmut

Eine Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung zeigt, wie Bildung vererbt wird: Ist ein Elternteil AkademikerIn, liegt die Chance bei 79 Prozent, dass das Kind mit 14 Jahren die AHS-Unterstufe absolviert hat. Die Chance liegt bei 10 Prozent, wenn Eltern nur den Pflichtschulabschluss absolviert haben. (Vgl. dazu http://archiv.wien.gruene.at/uploads/media/Schulprogramm_02.pdf)

Auch beim vorzeitigen Schulabbruch sind sozioökonomische Faktoren entscheidend. Eine Studie von Mario Steiner, Institut für Höhere Studien (IHS), beleuchtet die Quote der Schulabbrecher_innen in Abhängigkeit zum Bildungsstand der Eltern.

Demnach brechen nur 3,9 Prozent der Kinder von Eltern, die über Matura oder ein Studium verfügen, die Schule vorzeitig ab. Hingegen sind es bei Eltern, die eine Berufsausbildung absolviert haben, 7,1 Prozent der Kinder, die die Schule frühzeitig abbrechen.

Von denjenigen Eltern, die mit höchstens einem Pflichtschulabschluss ihre Ausbildung beendeten, gehören 19,6 Prozent der Kinder zu den so genannten „Early School Leavers“.  (Mario Steiner, Early School Leaving in Österreich 2008, 9)

Der frühzeitige Schulabbruch steht auch in Relation zum Berufsstatus der Eltern, wie die Studie aufzeigt. Sieben Prozent der Kinder erwerbstätiger Eltern brechen die Schule frühzeitig ab. Hingegen sind es bei arbeitslosen Eltern 25,4 Prozent der Kinder.

Von Chancengleichheit am Ausbildungsweg kann daher nicht die Rede sein. Wie die Statistiken belegen, wird Bildungsarmut in Österreich nach wie vor vererbt. Die sozioökonomische Situation im Elternhaus entscheidet wesentlich über den Bildungsweg des Kindes.

Es brauche daher Schulen, die die Schüler_innen auf ihrem Bildungsweg ganzheitlich begleiten, so Koenne: „Da wäre die Einführung der Ganztagsschule ein ganz wesentlicher Schritt.“

 

Mit zehn Jahren über die Zukunft entscheiden

In Österreich wird immer noch auf die frühzeitige Selektion der 10- bis 14jährigen gesetzt. Nach der Volksschule muss entschieden werden, ob das Kind in die Hauptschule oder die AHS geht.

Diese verfrühte Entscheidung hat weitreichende Folgen für das weitere Leben. Denn, entscheidet sich ein Jugendlicher nach der Hauptschule die Matura zu machen, fällt der Umstieg oft nicht leicht. Jeder vierte Hauptschüler (25,7%) bricht innerhalb der ersten drei Ausbildungsjahre die AHS-Oberstufe ab, wie Statistik Austria (www.statistik.at) aufzeigt.

Gesamtschule

Der Soziologe Michael Hartmann plädiert dafür, die frühe Selektion durch eine Gesamtschule der 10- bis 14 jährigen zu ersetzen: „Es gibt eine Reihe von Untersuchungen, die belegen, dass der Zeitpunkt wie er bei uns gewählt ist, viel zu früh ist.“ Sozial benachteiligte Schüler_innen aus so genannten bildungsfernen Familien müssen in der Schule all das nachholen, was sie von der Familie nicht mitbekommen haben, so der Soziologe. Da sie dafür Zeit brauchen, seien sie von der frühen Selektion am stärksten betroffen. (http://v4.uebergebuehr.de/de/themen/schulpolitik/ein-plaedoyer-fuer-die-gesamtschule/)

In ihrem Schulprogramm (http://archiv.wien.gruene.at/uploads/media/Schulprogramm_02.pdf) treten die Grünen daher für eine Gesamtschule ein. Daran knüpfen sie Forderungen, ohne die das Konzept Gesamtschule seine Wirkung nicht entfalten könne. Dazu zählen unter anderem Förderung der Schüler_innen, ihrer Begabung und ihrem Potenzial entsprechend. Das schließt unterschiedlich anspruchsvolles Lehrmaterial mit ein. Besondere Förderung für diejenigen, die über die Lernziele hinausarbeiten wollen und für jene, die das Lernziel nicht erreichen.

Der Unterricht müsse in kleine Klassen mit nicht mehr als 20 Schüler_innen abgehalten werden. Darüber hinaus sollen zur Entlastung der LehrerInnen Spezialist_innen wie Sozialarbeiter_innen, Mediator_innen und Psycholog_innen zur Verfügung stehen.

Können wir uns das leisten?

„Die Bildungsausgaben pro Schüler_in in Österreich sind gar nicht so gering“, erläutert Georg Koenne. Aber es kranke am richtigen Einsatz der Mittel. Viel versickere in einer aufgeblähten und unnötig differenzierten Verwaltung.
Durch die Landes- und Bezirksschulbehörden existiere ein immenser Verwaltungsapparat, der der Größe des Landes nicht entspreche. Darüber hinaus gebe es durch die Gliederung der Schulsysteme für jede Schulart weitere Verwaltungsapparate, so Koenne: „Das macht unser Schulsystem extrem teuer“.

Schon rein ökonomisch betrachtet sei es ein Unsinn, beim Bildungssystem einzusparen. Gustav Seibt schreibt in der Süddeutschen, dass die unzulänglich ausgebildeten Jugendliche von heute in wenigen Jahren auf dem Facharbeitermarkt fehlen werden: „Schon in zehn Jahren kann uns die verrückte Situation ins Haus stehen, dass wir höchstqualifizierte Arbeitskraft in Massen aus Osteuropa oder den asiatischen Schwellenländern anwerben müssen, während wir Millionen alter Dauerarbeitslosen durch Beschäftigungsagenturen schleusen.“ (www.sueddeutsche.de/kultur/das-paradox-von-bloedelnder-masse-und-bildungselite-schlampe–1.437828)

Bildungsarmut sei ein gesellschaftlich relevantes Problemfeld, schreibt Mario Steiner in seiner Studie „Early School Leaving“. Europa entwickle sich zunehmend zu einer Wissensgesellschaft, was dazu führe, dass die Qualifikationsanforderungen für Arbeitnehmer_innen steigen. Fehlen die notwendigen Qualifikationen, steige dadurch das Risiko arbeitslos zu werden.

Es muss daher Ziel der Schulpolitik sein, die Vererbung von Bildungsarmut zu durchbrechen, um den jungen Menschen einen Bildungsweg zu ermöglichen, der auf Chancengleichheit basiert. Das zu ignorieren ist weder gegenüber den Jugendlichen, noch gegenüber der Gesellschaft als Ganzes zu verantworten.

September 2011

Autor: Markus Schauta ist Mitglied im Redaktionsteam der Grünen Bildungswerkstatt Wien.

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